Erwartungen (Teil 2)
Die vermeintlich Oberflächlicheren unter uns tangieren nicht erfüllte Erwartungen nur peripher. Das Selbstbewusstsein nimmt kaum Schaden, wenn sich gewisse Erwartungen nicht erfüllen, die sie an sich oder andere hatten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie es leichter haben, mit sich und anderen gnädig zu sein. Wer es hingegen sehr genau nimmt, tut sich mit dieser „Lässigkeit“ schwer und unerfüllte Erwartungen werden für ihn eher zur Last.
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Kleiner kultureller Exkurs
In unserem Kulturkreis, in dem alles genormt ist, nehmen die meisten (Ausnahmen bestätigen die Regel) alles sehr genau. Vielleicht suchen wir auch deshalb sofort nach einem Schuldigen, wenn etwas schief gegangen ist. Fehler und Normabweichung gilt es zu vermeiden! Das darf nicht passieren! Perfektion wird erwartet! Made in Germany steht genau dafür. Das hatte und hat immer noch eine Menge Segen zur Folge! Aber es führt auch dazu, dass wir manchmal einen Schuldigen finden, wo keiner ist. So sagen Deutsche eher „Du hast den Stift fallen gelassen!“ als „Der Stift ist zu Boden gefallen.“ – Das ist ein Unterschied, der unterschiedliche Erwartungen deutlich werden lässt. Der eine erwartet, dass „DU“ einen Stift festhalten solltest und nicht fallen lässt. Der andere erwartet, dass ein Stift auch schon mal aus den Fingern gleiten kann.
Als Deutsche regen wir uns gerne über Microsoft auf, weil die seit Jahren wissentlich Produkte auf den Markt bringen, bevor sie perfekt sind. Das kann man mit uns (eigentlich) nicht machen! (Ich schreibe diesen Artikel mit MS WORD.) Deutschlands Ingenieure investieren Jahre harter Arbeit, um Produkte fehlerlos zu entwickeln. Während sie das noch tun, machen die Amis bereits Umsatz. Ihre amerikanischen Kunden beschweren sich nicht. Sie feiern sich stattdessen, wenn sie einen Fehler im Produkt gefunden, gemeldet und somit zur Verbesserung des Produkts beigetragen haben. Sie sind es übrigens auch, die eher sagen: „Der Stift ist zu Boden gefallen.“ statt „Du hast den Stift fallen gelassen!“
Probleme löst man auf dem Weg und Fehler nimmt man eher mal in Kauf. Weil das oft vorkommt, stört es irgendwann nicht mehr. Es ist zur Norm geworden. Wichtig ist es, ein Ziel oder eine Vision zu haben. Wie man die erreicht, wird sich zeigen. In der Tat ist so schon viel erreicht worden, was gut ist. Allerdings geht auf dem Weg auch einiges zu Bruch.
Als Deutsche lösen oder erfinden wir Probleme hingegen, bevor es sie gibt und wo keine sind, nur damit nachher niemand merkt, dass es sie hätte geben können. Es geht aber auch nichts kaputt. Das hat unbestritten etwas Gutes. Aber macht es nicht auch etwas mit uns? Vor allem sorgt es manchmal dafür, dass man sich nicht in Bewegung setzt und erstrebenswerte Ziele gar nicht erst in Angriff nimmt, weil man nur an das denkt, was zu Bruch gehen könnte, statt an das zu denken, was erreicht werden kann.
Exkurs Ende.
Weil ich – nicht nur aus eigener Erfahrung – sehr genau weiß, dass zu hohe Erwartungen und Ziele meistens zum Frust führen, habe ich persönlich vor Jahren aufgehört, mir in der Silvesternacht den Kopf darüber zu zerbrechen, was im kommenden Jahr alles besser werden muss. Erwartungen an mich und andere versuche ich zum Jahresende zu vermeiden. Vor allem habe ich aufgehört zu glauben, dass ich plötzlich in der Lage sei, mich zu bessern und Dinge in meinem Leben nachhaltig zu verändern, bloß weil ein neues Jahr beginnt. Wie dumm ist das denn?! Dann müsste es ja zum Beginn eines neuen Jahrzehnts noch besser klappen, oder!?
Keine Sorge. Ich habe den Glauben an meine Fähigkeiten nicht verloren, die ich durch Training entwickeln kann. Genauso wenig habe ich etwas gegen das Setzen vernünftiger Ziele. Ein vernünftiges Ziel schafft eine positive Erwartungshaltung und setzt Energie frei. Aber ich erwarte von mir und anderen keine Perfektion mehr. Seitdem lebe ich übrigens zufriedener. Anreize, das beste zu geben, gibt es immer noch mehr als genug.
Erwartungen an sich selbst und andere zu haben, hat nicht selten mit der Frage nach der Identität eines Menschen zu tun: Was macht eigentlich meine Identität aus? Definiere ich mich über erfüllte Normen oder Erwartungen? Definiere ich mich über meine Leistung und die Ziele, die andere mir stecken – auch für das neue Jahrzehnt?
© Sportpastor Karsten Gosse, ICHTU’S – Christen im Golfsport e.V. - 29.12.2010

